Coaching

Wie erkläre ich „systemisches Coaching“?

August 30, 2021
Julian Barysch
Coach

Haben Sie sich im Internet einmal durch die verschiedenen Coaching-Anbieter geklickt und vielleicht auch einmal die zweite Google-Seite durchgeguckt? Spätestens dann wird ihnen aufgefallen sein, dass inzwischen die verschiedensten Angebote existieren. Da gibt es die bekannten Varianten des Business-Coaching, Executive Coaching oder Team Coaching, die sich noch relativ leicht verstehen lassen. Hier geht es wie die Namen verraten um Arbeitsanliegen, um die Weiterentwicklung einer Führungskraft und um die Arbeit mit einem Team.

Doch hört das Beratungsangebot hier lange noch nicht auf. So gibt es Life-Coaching, Mental-Coaching, Werte-Coaching, Beziehungscoaching oder falls das nicht klappt Trennungscoaching… Jede Form des Coachings kann man außerdem als Tiergestütztes Coaching, als Erlebnis-Coaching, Natur-Coaching, Psychologisches Coaching, Tiergestütztes Coaching, usw. buchen. In der Regel findet man zu jedem Subbereich des Coachings außerdem sowohl eine systemische Variante als auch inzwischen wahrscheinlich mindestens ein agiles Angebot. 

Doch was bedeutet eigentlich „systemisch“ in diesen Angeboten? Obwohl ich selbst systemisch arbeite und systemische Coaching-Ausbildungen betreut habe, fällt mir die Antwort manchmal schwer, denn wie zwei meiner Mentoren es ausdrückten: „Die Praxis der systemischen Therapie und Beratung hat sich seit Anfang der 1980er Jahre in einer Art entwickelt, dass man nicht mehr von „der“ systemischen Therapie und Beratung sprechen kann. [...] So erfreulich dies für die Theorie und Praxis der systemischen Therapie und Beratung ist, so schwierig ist es für Autoren, eine Einführung in eine Methode zu schreiben, die sich in einem permanenten Wandel befand, befindet und befinden wird.“ (Klein/Kannicht 2011: S. 7) Was vor 10 Jahren bereits zutraf, hat sich heute noch verschärft. Der Begriff des „systemischen Arbeits“, egal ob in Therapie, Beratung oder Coaching ist mittlerweile so verbreitet, dass man das Gefühl kriegt, es würde keine Dienstleistung mehr geben, die nicht mindestens systemisch gedacht ist. Was sich dann dabei hinter den Angeboten verbirgt, hängt letztendlich vom konkreten Coach ab und ist selten weiter erklärt als „eine ganzheitliche Perspektive“ oder „Denken in Zusammenhängen“. 

Auch aus der Fachwelt häufen sich die Beschwerden über diese Inflation des Begriffs und gleichzeitig die Versuche eine allgemein gültige Erklärung und Definition von „systemisch“ zu schaffen. Die Lösungsvorschläge reichen dabei von plakativen Standartantworten bis hin zu ausgefeilten, wissenschaftlichen Analysen, also von zu einfachen Versuchen, die nicht alles erfassen bis hin zu ausdifferenzierten Theoriegebilden, die zu spezifisch sind, um noch eine reale Arbeit mit Menschen zu beschreiben. Ob dies nützlich ist, mag jeder selbst beurteilen, aber zumindest führt es zu mancher Verwirrung und eine eindeutige, praktische Definition des Begriffs, scheint mir selbst als Wissenschaftler höchst unwahrscheinlich. Doch was kann man dann tun, damit Klienten und Coaches nicht aneinander vorbei kommunizieren? 

Vor einiger Zeit (als Beisammensein noch ohne Maske möglich war) wurde ich auf einer Feier von einem Bekannten gefragt: „Sag mal, was heißt denn jetzt eigentlich systemisch?“. Alle Köpfe im Umkreis (einige von Kollegen) drehten sich gefühlt zu mir und man wartete gespannt auf meine Antwort, von der mir klar war, dass sie nicht länger als drei Sätze und nicht komplizierter als drei Bier sein durfte. Nach einem Blick durch den Raum, versuchte ich es daher folgendermaßen: „Ihr seht alle das Mobilee dort?“ fragte ich und deutete auf ein Mobilee mit blauen Delphinen. Allgemeines Nicken.  „Systemisch bedeutet, dass ich mit dem Delphin versuche zu verstehen an welchen Fäden es hängt und an welchen es ziehen kann.“

Was mir damals wie eine ziemlich lachhafte, unvollständige Erklärung von systemischem Arbeiten vorkam, ist für mich heute eine sehr viel bessere Erklärung, als alles was ich wissenschaftlich zu diesem Thema verfasst habe und das aus zwei Gründen: Erstens trifft es einen Wesentlichen Punkt der systemischen Denkweise und jeder der systemisch arbeitet wird die Mobilee-Metapher kennen oder ihre Prägnanz verstehen. Systemisch arbeiten bedeutet in Systemlogiken zu denken.

Zweitens und dies mag der wichtigere Punkt sein: Jeder kann etwas mit der Metapher eines Mobilees anfangen! An welchen Fäden hängst du? An welchen Fäden würdest du gerne mal ziehen? Was glaubst du, würde sich dann bewegen? Wer oder was hängt noch in deinem Netzwerk? Diese Fragen sind für die meisten Menschen intuitiv verständlich und ohne Systemtheorie zu bedienen oder ein Methodenfeuerwerk abzubrennen, füttern sie eine systemische Perspektive an. 

Nicht jeder der systemisch arbeitet, hat das gleiche Bild von systemischem Arbeiten. Genauso war es in der Wissenschaft vorher. Nicht alle Systemtheoretiker hatten die gleichen Vorstellungen von Systemen (sondern oft sogar explizit unterschiedliche Vorstellungen und Theorien). Und genauso ist es in vielen anderen Gebieten. Nicht jeder Herren-Friseur schneidet die Haare gleich, nicht jeder Facharzt stellt dieselbe Diagnose oder nicht jedes italienische Restaurant kocht nach gleichem Rezept. Deswegen haben die meisten Leute irgendwann einen Friseur der Wahl, einen Arzt des Vertrauens und ein Lieblingsrestaurant. 

Genauso kommt es bei der Suche nach einem Coaching nicht auf den Stil oder die Ausbildung des Coachs an. Alles was uns an wissenschaftlichen Untersuchungen zur Verfügung steht, deutet darauf hin, dass die Wirksamkeit eines Coachings eher von anderen Faktoren abhängt. Zum Beispiel der Beziehung zwischen Coach und Coachee und generell dem Engagement und Veränderungswillen des Coachees selbst. Falls Sie also nach einem Coach suchen und zwischen systemischen Angeboten schwanken oder falls dies ein Kollege liest, der heimlich noch zweifelt, wie er seinen systemischen Titel erklärt: Keine Sorge, es macht wahrscheinlich keinen Unterschied!

Genauso wie beim Friseur, beim Arzt und im Restaurant: Testen Sie aus! Probieren Sie etwas und wenn Ihnen das Ergebnis nicht gefällt (oder schmeckt) dann probieren sie es woanders. Bevor sie sich für etwas entscheiden, dürfen sie nachfragen. Jeder Coach der seine Arbeit versteht, wird sich über die Frage nach seiner Arbeitsweise freuen und in einem ersten Gespräch darüber entsteht oft automatisch ein Gefühl für die vorhandene oder nicht-vorhandene Passung. Und sollte die Erklärung ihres Coaches auf Sie wirken, wie die italienische Weinkarte manchmal auf mich: Fragen Sie ihn vielleicht mal, ob er es an einem Mobilee erklären kann.

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